Ein Artikel von Dr. Dmitir Piterski, Mitglied im ÖSF
Ich freue mich, über zwei wichtige Veranstaltungen zum Thema Seniorenarbeit zu berichten.
- Der 9. Deutsche Seniorentag
Der 9. Deutsche Seniorentag (DST) fand vom 8.-10. Juni in Leipzig statt. Schirmherrin: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das Motto: „Alter leben – Verantwortung übernehmen“. Der DST griff die Idee auf, dass je mehr ältere Menschen sich aktiv einbringen, desto besser ist es für uns alle. Sie übernehmen dabei die Verantwortung für unser Land und für die nachkommenden Generationen. Es geht also um Nachhaltigkeit im weitesten Sinne!
Alle TeilnehmerInnenn des DST hatten die Gelegenheit, in den zahlreichen Workshops (WS) und Foren teilzunehmen und verschiede Fragen zu diskutieren. Es gab insgesamt 49 Workshops und 8 Foren mit 24 unterschiedlichen Themenbereichen. Unter den gut 15.000 Besucherinnen und Besuchern des 9. Deutschen Seniorentages waren so viele junge Menschen wie noch nie. Über 1.000 Schüler und Studierende kamen ins Congress Center Leipzig. Darüber hinaus wurde der DST ein Ort der Diskussionen mit PolitikerInnen aus Bund, Ländern und Kommunen.
Das Kongressprogramm wurde auf ehrenamtliche Basis von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) gestaltet, die über 100 Mitgliederorganisationen beinhaltet. Der DST wurde mit ökumenischen Rahmenprogramm, Gottesdiensten, Ausstellungen, öffentlichen Interviews, Podiumsgesprächen, Konzerten und Symposien begleitet.
Für das Ökosoziale Forum Deutschland (ÖSF) waren meines Wissens folgende Workshops besonders von Bedeutung: WS 3 „Intergenerationelles Lernen: Alt + Jung im Dialog“; WS 21 „Senioren als Wirtschaftsmacht – kritisch und anspruchsvoll“; WS 26 „Senioren beleben ihre Stadt“; WS 27 „Generationen lernen gemeinsam: Nachhaltigkeit“; WS 37 „Grenzübergreifende Zusammenarbeit – Senioren aktiv im Drei-Länder-Gebiet“; WS 39 „Intergenerationelle Bildung und Generationssolidarität“.
Insbesondere schien der WS 13 spannend zu sein und zwar „…wir machen mit… – Ältere MigrantInnen engagieren sich in Ihrem Lebensumfeld“. Im Rahmen dieses WS Nahmen ca. 30 TeilnehmerInnen teil. Der WS wurde von Kompetenz Zentrum Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe in Berlin (KomZen) organisiert und durchgeführt. Anhand von umfangreichen Beispielen wurden soziale, sprachliche, kulturelle u.a. Probleme der Senioren mit Migrationsgeschichte betrachtet. Inhaltlich überwiegt in unserer Gesellschaft und Politik in der Regel die Meinung, dass die Senioren mit Migrationshintergrund Unterstützung brauchen und über geringe soziale Kompetenzen verfügen. Dies ist vielleicht teilweise richtig, ihre großen Lebenserfahrungen sowie Flexibilität und Mobilität werden jedoch wenig angefragt! Doch ältere Migranten verfügen ebenso wie einheimische ältere Menschen über reichhaltige Kenntnisse, Fähigkeiten und ein großes Erfahrungswissen.
Man muss handeln! Die Erfahrungen des Seniorenclubs der russischsprachigen Senioren in Essen-Bergmannsfeld/Hörsterfeld (weiter Seniorenclub BF/HF) wurden von mir dabei vorgestellt. Bergmannsfeld ist ein relativ junger Essener Stadtbereich, die Großwohnsiedlung ist ein typisches Kind der 1960er Jahre mit vielen städtebaulichen Vor- und Nachteilen. Seit Ende der 1990er Jahre wächst im Stadtteil die Bevölkerung mit russischem Migrationshintergrund. Das sind die Senioren mit einem relativ schlechten Integrations-Niveau, die sich allerdings gerne anpassen und integrieren wollen, sie betrachten die Zukunft des Bergmannsfelds und darunter das internationale Zusammenleben im Quartier eher positiv und optimistisch und nehmen gerne an verschiedenen lokalen Veranstaltungen teil. Um die Informations-, Kultur-, Sport- und Integrationsbedürfnisse der russischsprachigen Senioren besser zu erfüllen, wurde 2007 vom Stadtteilbüro Bergmannsfeld nach vorheriger Rücksprache mit den in Frage kommenden Personen, einen Seniorenclub angeboten, der sich regelmäßig zum geselligen Beisammensein trifft. Zahlreiche Ausflüge, Vorträge, Kultur- und Sportveranstaltungen werden durchgeführt. Das Ziel des Seniorenclubs besteht darin, dass die Senioren mit ihrem Wohnumfeld zufriedener werden, und dass die russischsprachigen Senioren, welche einen beträchtlichen Anteil der Bevölkerungszahl der Großwohnsiedlung ausmachen, besser integriert werden können. Der Seniorenclub BF/HF wird über kommunale Mittel finanziert (Stadt Essen, RAA / Büro für interkulturelle Arbeit Essen) und von öffentlichen, privaten und kirchlichen Einrichtungen organisatorisch unterstützt. Der Seniorenclub BF/HF unterhält Beziehungen zu verschiedenen Institutionen, die russischsprachige Senioren pflegen und betreuen und nicht nur in Essen.
Der DST wurde von einer großen Ausstellung SenNova (Sen = „für das Alter“; Nova = „das Neue“) traditionell begleitet. Diese Ausstellung verschafft einen Überblick über innovative Produkte und Dienstleistungen und demonstriert, welche große Rolle die Seniorenwirtschaft in unserer Gesellschaft spielen soll und bereits heute spielt! Die Beziehungen zwischen den Generationen haben durch den demographischen Wandel in unserer Gesellschaft eine besondere Aktualität erhalten und spielen für die nachhaltige Entwicklung eine ebenso entscheidende Rolle.
- Active Ageing of Migrant Elders in Europe (AAMEE) „Goods Practice Exchange Program for Voluntary Organisations“
Der Workshop „Goods Practice Exchange Program for Voluntary Organisations“ fand 15.-17. Juni 2009 in Mannheim statt und wurde in Kooperation zwischen dem AAMEE Projekt und dem Caritasverband Mannheim e.V. mit dem Projekt „Ferienfrühstück mit Teenies“ organisiert.
Das Projekt “Active Ageing of Migrant Elders across Europe” (AAMEE) ist auf die Förderung des aktiven Alterns älterer Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und ihre sozialen, kulturelle und wirtschaftliche Integration ausgerichtet und wird von der Europäischen Kommission, Generaldirektion Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit, gefördert. Es legt einen Schwerpunkt auf ehrenamtliches Engagement und die Entwicklung neuer kultursensibler Produkte und Dienstleistungen z.B. in den Bereichen Wohnen, Pflege, Bildung, Freizeit, Kultur und Marketing. Das grundsätzliche Ziel des Projektes ist es, die öffentliche Wahrnehmung von älteren Menschen mit Zuwanderungsgeschichte zu verändern. Statt in ihren Zusammenhang von Herausforderungen zu sprechen, sollten die Chancen betont werden, über die diese Gruppe verfügt und die sie generiert. Damit ist man in der Lage die positive Rolle der älteren Migranten zu unterstreichen und die alten Klischees zu brechen. Im Rahmen des Projekts entwickelte man das Good-Practice Austauschprogramm, das zahlreiche Veranstaltungen darunter Workshops beinhaltet.
11 TeilnehmerInnen aus 7 Staaten Europas davon aus Deutschland, der Schweiz, Bulgarien, Finnland, Großbritannien, Belgien und Slowenien nahmen im Rahmen des WS in Mannheim teil. Ziel des Mannheimer Projekts „Ferienfrühstück mit Teenies“ ist es, der Vereinsamung und Isolation von älteren Menschen mit Zuwanderungsgeschichte entgegenzuwirken und ihre Aktivität zu fördern. Die Jugendlichen profitieren von der Lebenserfahrung der älteren Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Das intergenerative und interkulturelle Projekt fördert auf diese Weise das gemeinsame bürgerschaftliche Engagement. Vertreter der Stadt Mannheim, des Caritas Verbandes Mannheim e.V. und des Ministeriums für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen haben den WS geleitet.
Während des WS in Mannheim wurden die Ziele und Aufgaben dargestellt und diskutiert, die mit den Schwerpunkten des Ökologischen Sozialforum Deutschland übereinstimmen und in erster Linie die weitere Integration der Senioren mit Migrationsgeschichte. Wichtig ist es, das man nicht nur reden, sondern handeln will und zwar unabhängig, parteiübergreifend und überkonfessionell!
Nach unserer Erfahrung wollen sich viele ältere Migranten mit praktischen Tätigkeiten beteiligen, die mit sichtbaren Erfolgen verknüpft sind, wie die Gestaltung eines Seniorenclubs. Es gibt leider jedoch wenige Programme, die die Senioren mit Migrationsgeschichte für ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben interessieren und zur Teilnahme am Vorhaben motivieren können. In diesem Zusammenhang schließt die Tätigkeit des Seniorenclubs der russischsprachigen Senioren in E-Bergmannsfeld/Hörsterfeld eine große Lücke. Weitere Kooperationsansätze des Seniorenclubs mit Migrantenorganisationen sowohl in Deutschland als auch im Ausland (Finnland, Bulgarien) wurden in Betracht genommen.
Während des WS gab es eine sehr gute Möglichkeit, wichtige Erfahrungen zu sammeln und einige Erfolge des Seniorenclubs der russischsprachigen Senioren in E-Bergmannsfeld/Hörsterfeld zu präsentieren, die auch positiv bewertet wurden. Man soll davon ausgehen, dass die Jungen aus den Erfahrungen der älteren Migranten lernen können. Das schafft ein positives Klima zwischen den Generationen.
Die Meinung der TeilnehmerInnen des WS hat eine neue Bekräftigung erfahren, dass eine statistische/soziologische Seniorenuntersuchung/Seniorenbefragung für die Arbeit mit älteren Menschen mit Zuwanderungsgeschichte äußerst wichtig ist. Vieles ist a priori gut bekannt, man sollte jedoch die aktuellen (lokalen) soziodemographischen Daten sammeln und inhaltlichen Probleme der älteren Migranten extra untersuchen. Die Erfahrung des Seniorenclubs BF/HF zeigt deutlich, dass die Seniorenarbeit nur deshalb erfolgreich geworden ist, weil man vom Anfang an die Ergebnisse der Seniorenbefragung in der Großwohnsiedlung als Basis genommen hat.
Im Rahmen des o.g. Projektes AAMEE wird eine europaweite Broschüre von Beispielen guter Praxis zum aktiven Altern älterer Menschen mit Migrationsgeschichte veröffentlicht. Man will eine breite Palette von Projekten vorstellen und der Seniorenclub der russischsprachigen Senioren in E-Bergmannsfeld/Hörsterfeld plant sich mit seinen Projekten und Initiativen zu beteiligen.
Lassen Sie mich an dieser Stelle auch anmerken, dass das Ökosoziale Forum Deutschland zum Thema interkulturelle Seniorenarbeit noch viel diskutieren wird und was noch wichtiger sein wird, seine Ideen und Vorschläge umsetzen muss.