Der Traum will wiederholt geträumt werden!

von Dr. Heinz Peter Wallner

Der Traum will wiederholt geträumt werden

Der Traum der Steigerungswirtschaft will weiter geträumt werden, weil der Abschied in uns die nackte Angst aufsteigen lässt, wir könnten alles verlieren. Wir verlieren aber nur dann Alles, wenn wir uns dem Prozess des Erwachens widersetzen. Die Zeichen einer neuen Wirtschaft sind erkennbar und weisen einen uns noch unbekannten Weg. Aber wir waren schon öfter wirklich mutige Entdecker!

Der Kapitalismus als Wirtschaftsform hat uns im Westen reich gemacht, so reich, dass wir in ein Muster der Gier verfallen sind. Noch nie zuvor dagewesener Reichtum und Besitz, angereichert durch die Freiheit demokratischer Prinzipien, hält uns in einem Wiederholungsmuster gefangen.  Wir halten am Glauben fest, es müsse immer so weiter gehen. Heute hingegen wissen schon viele, dass es so nicht weiter gehen kann, am Wachstumsgedanken aber halten wir noch fest. Es geht nicht anders, Wachstum muss ein, sagt unser kollektives Ego, das keiner „Wisdom of the crowd“ entspringt.  Peter Sloterdijk (2009) beginnt sein Buch „Du musst Dein Leben ändern“ mit der mehr als klaren Feststellung: „Es lässt sich nicht leugnen: Die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt ist die allgegenwärtig wachsende Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann.“

Unsere Wirtschaftsordnung ist zu einer Zeit erdacht und formuliert worden, in der gerade das  mechanistische Denken in unser Weltbild eindrang und zu einer Hochblüte kam. Der Sieg der Rationalität, die große Sicherheit durch ein Ursache-Wirkung-Denken, eine neue Macht über die Natur und eine scheinbar attraktive Zukunftsaussicht, die Probleme durch Technologie lösen wird, haben das ihre zum Kurzfrist-Sieg des mechanistischen Weltbildes beigetragen. Alles wird für den Menschen machbar, schaffbar, planbar, berechenbar, sogar er selbst wird zur Maschine und schier unverletzbar. Bis zum heutigen Tag konnte der Mensch aus seinem eigenen Käfig des Maschinendenkens nicht mehr ausbrechen. Selbst intensive Versuche, den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu rücken, blieben erfolglos. Der Mensch blieb, was er die letzten Jahrzehnte in der Welt der wirtschaftlichen Steigerung immer war: ein kleines Stückchen Markt für die einen, eine Leistungsmaschine für die anderen. Wenn er keine der beiden Funktionen erfüllt, wird er zur Belastung für das Kollektiv, das ihm jedoch mildernde Umstände zugesteht und ein Dasein auf der Reservebank duldet.  Dem Homo oeconomicus wird unterstellt, nur den eigenen Nutzen zu sehen und rational das Beste für sich aus jeder Situation zu machen. Die Effizienz siegt dabei über das Gefühl. Diese egoistische Prägung ist im Kapitalismus erstaunlich weit gekommen. Wenn nur alle Menschen dieser Welt so handelten, gäbe es bald keine Armut mehr, weil der freie Markt das seinige für unser aller Glück erledigte.

Wenn ein großes Kollektiv diesen einen Traum lebt, dann wird ein Teil davon real und das Ganze zur Wahrheit. Auch wenn heute der Kahlschlag der Steigerungswirtschaft tiefe Furchen auf der Erde hinterlassen hat und auch im Westen von glücklichen Menschen nur wenig zu spüren ist, will der Traum noch weiter geträumt werden. Selbst ein Erdbeben in Form einer Finanz- und Wirtschaftskrise, von anderen Krisen, etwa der Klima- und Energiekrise ganz zu schweigen, kann uns alle nicht aufwecken. Schon morgen geht es weiter wie bisher – „übermorgen werden wir wieder durchstarten“, mahlen die Gebetsmühlen.

Warum denkt und handelt der Mensch wider jede Rationalität und jedes Gefühl? Vielleicht ist es die nackte Angst, irgendwo angekommen zu sein, vielleicht auch das Unvermögen, sich vorzustellen, es könnte auch ganz anders sein.

Geschichtlich gesehen kennen wir das, auch wenn es keiner heute selbst erlebt hat. Wir befinden uns in der gleichen Situation wie die Menschen, als eine kleine Gruppe erkannt hat, dass die Erde gar nicht im Mittelpunkt es Universums steht. Diese Einsicht tat weh, sie holte den Menschen aus dem himmlischen Mittelpunkt und stellte ihn an den Rand einer großen Kugel inmitten eines dunklen, kalten Universums. Zu guter letzt hat man ihm damit auch seinen Himmel und somit auch seinen Gott nehmen wollen, was nicht ganz gelungen ist. Charles Darwin hat später ein Schäuflein nachgelegt und den Menschen seiner göttlichen Schöpfung beraubt und ihn zum besseren Affen gemacht. 

Heute ist es ganz ähnlich. Wieder müssen wir uns von Quasi-Sicherheiten trennen und all das aufgeben, was wir lieb gewonnen haben: Wachstum, Reichtum, Überfluss, Besitz, Geld (das sogar für uns arbeitet) und Macht. Wieder meldet sich eine kleine Community, die sehr rasch wächst, zu Wort und trommelt Ganzheitlichkeit, eine neue Menschlichkeit, eine schöpferische Ökologie, eine nachhaltige Wirtschaft und soziale Verantwortung, lokal und global.

Weil in diesem neuen Rhythmus das Leben steckt und der Mensch im Innersten berührt wird, wächst diese Gemeinschaft. Mit ihr wächst auch der Glaube, eine solche menschliche, natürliche Wirtschaftsweise könnte Menschen wahrhaft glücklich machen, für Fairness auf der Welt sorgen und am Ende die Erde als Gaia anerkennen und nachhaltig retten.

Wie können wir nun den Attraktor der Steigerungswirtschaft verlassen und mutig eine neue Welt entdecken? Lasst uns im Geist beginnen. Nur das neue Denken lässt in uns eine neue Haltung aufsteigen, eine neue Wahrnehmung und ein Gefühl entstehen, das unsere Gedanken zum Wissen macht. Durch dieses neue Sein, werden wir zur Tat enthemmt und sind in der Lage, durch unser Tun, wirklich Neues in die Welt zu bringen. Jeder Versuch des neuen Tuns, ohne neue Haltung, führt nur zu weiterem Leid. Dem neuen Tun entspringt dann eine neue Form, ein neues Muster des Tuns. Und mit jeder Wiederholung – es wird sehr viele Wiederholungen brauchen – prägen wir eine neue Welt. Es ist das Lernen in der liegenden Acht (LILA), das sich als Grundprinzip der Veränderung darbietet und den Menschen wieder zum Übenden macht (Völkl, Wallner, 2009). Ohne Anstrengung wird es nicht gehen, meint auch Peter Sloterdijk. Der neue Mensch erhebt sich auf dem Fundament der guten Wiederholung. Gleiches gilt für die Unternehmen der neuen Wirtschaft. Jede neue Wirtschaft, jedes neue Business Model kann nur dem neuen Weltbild entspringen und visionär neu gedacht werden. Der Erfolg hängt vom Vermögen ab, die neuen Werte, die neue Kultur, die neue Haltung dazu zu entwickeln. Wer aber schöpferisch denkt und wirtschaftet und sich nicht im Kampf verliert, der wird Neues hervorbringen und nachhaltige Werte schaffen. Diese Werte werden belohnt werden und neue Erfolge ermöglichen.

Diese neue Wirtschaft ist keine Utopie für die Zukunft, sie ist bereits jetzt entstanden. Sie muss nur noch an Kraft gewinnen und die Macht der alten Steigerungswirtschaft überwinden. David Richard Hawkins gibt Hoffnung, wenn er sagt: Das Universum bevorzugt die Kraft. Die Kraft löst die Macht ab.

Die neue Wirtschaft braucht nicht weniger Unternehmertum als die Steigerungswirtschaft. Im Gegenteil, sie braucht erwachtes Unternehmertum und viele mutige Entdecker, die sich von neuen Kapitänen auf ein reines Vorwärts einschwören lassen, auch wenn es für die Mehrheit wie Wahnsinn anmutet.

Dr. Heinz Peter Wallner ist Sachbuchautor, Vortragender, Lehrbeauftragter und geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung Wallner & Schauer GmbH in Wien

 

 

 

Quellen:

Peter Sloterdijk, 2009, Du musst dein Leben ändern: Über Religion, Artistik und Anthropotechnik, Suhrkamp Verlag

Kurt Völkl, Heinz Peter Wallner, 2009, Das LILA Management Prinzip – Unternehmen neu denken und erfolgreich verändern, Signum Verlag

Andreas Weber, 2007, Alles fühlt: Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften, Berlin Verlag

Heinz Peter Wallner, Michael Narodoslawsky, 2001, Inseln der Nachhaltigkeit – Logbuch für ein neues Weltbild, Residenz Verlag

 

 

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